Wie funktioniert ein System? – Definition und Grundsätze

Was ist ein System im Coaching-Kontext?


Wie der Name schon vermuten lässt spielt das System im systemischen Coaching eine wichtige Rolle. Doch was ist ein System? Wir kennen den Begriff bereits aus dem Alltag, aus Diskussionen oder den Medien wie z.B. das System Staat bzw. das gesellschaftliche System, das Wirtschaftssystem oder das Ökosystem. Aber auch im Kleineren finden wir viele System, die für uns relevant sind und von denen wir auch ein Teil sind: unsere Kernfamilie, die Partnerschaft, die Großfamilie, die Freunde, das Team im Sportverein, die Abteilung in der Arbeit oder das Unternehmen in dem wir arbeiten. So finden sich viele Systeme und Subsysteme in unserem Alltag wieder, die wir teils in unterschiedlichen Rollen und Funktionen beeinflussen und mitgestalten.

Was definiert diese nun als System? Sie alle bestehen aus mehreren einzelnen Bestandteilen, wie zum Beispiel den Organen und Bürgern eines Staates, den Familienmitgliedern*innen oder den Kollegen*innen im Team. Zusätzlich sind die Systeme durch eine gewisse Struktur, zeitliche oder räumliche Grenzen und einen gemeinsamen Sinn bzw. Funktion bestimmt. So ist Deutschland ein System mit einer demokratischen Ordnung, steht für Einigkeit, Recht und Freiheit und liegt in Europa.

Beispiel - Systeme und Subsysteme - GroWomen
Beispiel - Systeme und Subsysteme

Im beruflichen Kontext entsteht zum Beispiel ein System, wenn sich Kollegen aus verschiedenen Ländern zu einem 3-Tages-Workshop in Paris treffen, um dort gemeinsam die Vision der Firma zu besprechen. Auch eine Partnerschaft zwischen zwei Menschen wird so zu einem System, dass sich durch bestimmte Werte wie Treue oder Vertrauen auszeichnet und an einem Ort oder als Fernbeziehung über einen gewissen Zeitraum funktioniert. Gleiches gilt natürlich auch für die gesamte Familie.


Ich selbst als Person stelle ebenfalls ein eigenes System dar, dass sich aus verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen und -bestandteilen zusammensetzt, wie zum Beispiel die Ungeduldige, die Fürsorgliche, die Kreative oder die Fleißige. Meine Werte und Vorstellungen geben meinen inneren Teilen einen Rahmen vor und machen mich zusammen als Ganzes einzigartig.


So sind wir als deutsche Staatsbürgerin, die eine Partnerschaft führt, 2 Kinder hat, Tennis spielt und als Krankenschwester arbeitet Bestandteil vieler Systeme gleichzeitig. Oft haben wir in diesen Systemen unterschiedliche Rollen und Funktionen. Die Mutter hat andere Aufgaben und Werte, als die Partnerin, die Tennisspielerin oder die Arbeitskollegin. Im Alltag gilt es die Wechselwirkungen mit anderen Teilnehmern*innen zu verstehen sowie die Wechselwirkungen mit anderen Systemen. Auch Rollenkonflikte können hier auftreten und die Person aus dem Gleichgewicht bringen. Die Systeme, in denen wir uns befinden, haben also einen großen Einfluss auf uns und umgekehrt. Im systemischen Coaching werden diese Systeme und unser Verständnis davon genauer betrachtet und die Erkenntnisse dafür eingesetzt neue Lösungen für die Klientin zu entwickeln.

Grundsätze im System - Ganzheit


Über die Jahre in denen Systeme und ihre Wechselwirkungen betrachtet und studiert wurden, wurden Grundsätze identifiziert, die für alle Systeme gleichermaßen gelten. Ein wichtiger Grundsatz ist dabei die Ganzheit eines Systems. Ein System besteht aus einzelnen Bestandteilen, die miteinander verbunden sind und gemeinsam ein Ganzes ergeben. Eine Familie besteht aus einzelnen Familienmitgliedern, die miteinander sprechen, streiten und lachen. Sie sind über die Familienbande mit einander verbunden und bilden so ein Ganzes. Gleiches gilt auf höherer Ebene für ein Unternehmen. Ohne Mitarbeiter, die einzelnen Bestandteile, gibt es auch kein funktionierendes Unternehmen. Diese arbeiten, diskutieren und kreieren Produkte und Dienstleistungen miteinander und sind durch den gemeinsamen Zweck des Unternehmens miteinander verbunden. Erst die miteinander verbundenen Mitglieder*innen eines Systems machen das System zu einem Ganzen.


Gerade bei der Aufarbeitung von Familiendynamiken kann dieser Grundsatz hilfreich sein. Ein nie anwesender Vater oder eine verstorbene Oma wird durch den Grundsatz ebenfalls Teil des eigenen Systems. So können zum Beispiel eigene Denk- und Verhaltensmuster und Glaubensätze besser verstanden und verändert werden.

Mehr als die Summe aller Teile


Eins und eins ist… nicht zwei, sondern im Falle eines Systems drei. Das bedeutet im Grundsatz: Das gesamte System ist mehr als die Summe aller Teile. Wie ist das gemeint? Durch die Interaktionen der Teilnehmer*innen in einem System entstehen Wechselwirkungen, die etwas Größeres, Stärkeres, Umfassenderes oder Kreativeres zu Tage bringen, als es eine Person alleine könnte. Denken wir an Teamarbeit: Man kann alleine brainstormen und versuchen auf eine Lösung zu kommen. Es ist jedoch erwiesen, dass je mehr Teilnehmer*innen und je diverser diese sind, desto kreativer und innovativer die entstandenen Ideen. Im Austausch inspiriert man sich gegenseitig, greift die Ideen der anderen auf, spinnt sie weiter und kommt auf Dinge, auf die man alleine niemals gekommen wäre. Würden wir annehmen alle Teilnehmer*innen säßen zwar in einem Zimmer, es würde aber jede für sich brainstormen, kämen ebenfalls nicht so kreative Ideen zu Stande.

Mehrwert in Systemen - GroWomen

Dieser Effekt findet sich jedoch nicht nur im Positiven, sondern auch im Negativen, z.B. wenn wir uns streiten. Ist beispielsweise eine Partnerin besonders stur und die andere weiß alles besser, dann entspinnt sich aus einer Kleinigkeit ein Streit der sich bis zur Eskalation in Gewalt entladen kann. Die Sturheit (1) und die Rechthaberei (1) ergeben zusammen die Eskalation (3). Jede für sich genommen wären immer noch stur und rechthaberisch ohne Interkation würde es jedoch nicht direkt zur Eskalation führen.


Diesen Grundsatz nennt man Übersummativität. Eins und eins ist in einem System mehr als zwei. Es ist wichtig sich dies bewusst zu machen. Dies kann vor allem hilfreich sein, wenn man Konflikte lösen möchten. So können bestimmte Wechselbeziehungen und Verhaltensmuster aufgedeckt werden. Der Grundsatz unterstützt auch den Gedanken der Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit. Wenn ich verstehe, dass ich die eine Eins in der Gleichung bin, die die Situation mit ihrem Schweigen, Fluchen oder der Rechthaberei beeinflusst, und damit die Hälfte des Ergebnisses ausmacht, kann ich auch Verantwortung dafür übernehmen und mein Verhalten ändern. Wenn dies sogar beide tun, dann ist nach der Logik das Ergebnis dann auch mehr als doppelt so schön.

Ein System sucht immer das Gleichhgewicht


Ein System verhält sich wie ein Pendel. Wird es bewegt gerät es ins Schwingen. Nach gewisser Zeit pendelt es sich jedoch immer wieder auf den Ruhepol ein. Auch ein System nimmt (An-)Stöße von innen oder außen war. Die Teilnehmer*innen im System reagieren darauf, das System ist in Bewegung, stellt sich auf die veränderte Situation ein bis es wieder im Gleichgewicht ist. Dieser Grundsatz wird auch Homöostase genannt.


In der Praxis könnte sich dies zum Beispiel im Arbeitskontext zeigen, wenn die Abteilungsleiterin unerwartet für unbestimmte Zeit in den Krankenstand muss. Das System, in diesem Fall das Team, wird auf die neue Situation (der Anstoß) reagieren. Es wird diskutieren, Fragen stellen und Lösungen suchen, wie mit der Situation am besten umgegangen werden kann. Wie können die Aufgaben der Chefin verteilt werden, wer kann welche Aufgaben vorrübergehend übernehmen bis ein Ersatz gefunden ist? Vielleicht findet sich auch organisch eine Stellvertreterin, die in die Rolle hineinwächst. So oder so, nach kurzem Aufruhr wird eine Lösung gefunden. Das bedeutet nicht unbedingt, dass jede mit dieser Lösung einverstanden sein muss. Die Frage ist nur, ob man sich der Situation fügt und damit das neue Gleichgewicht annimmt oder nicht. Wenn nicht, dann dauert der Prozess bis zum erneuten Gleichgewicht noch etwas länger.


Dieser Grundsatz hilft das Verhalten von Systemen bei Veränderungen zu verstehen. Im familiären Kontext könnte sich dies zum Beispiel bei einem Kind zeigen, das bereits trocken war, nach der Trennung der Eltern jedoch wieder ins Bett macht. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Kind auf die Veränderung im Familiensystem reagiert und ein neues Gleichgewicht sucht.

Kennst Du Deine Systeme?


Beispiel - Mindmap meine Systeme - GroWomen
Beispiel - Mindmap meine Systeme

Auch ohne Coaching kann man sich bewusst machen in welche Systeme man eingebunden ist, wie diese beschaffen sind und welche Rolle man dort einnimmt. Eine Mindmap kann hierbei helfen sich ein erstes Bild der eigenen Systeme zu verschaffen. Nimm Dir einfach ein Blattpapier und lass deine Gedanken gleiten. Welche Systeme fallen Dir spontan ein? Sind Sie vielleicht sogar miteinander vernetzt?


Wichtig beim Vorgehen: es gibt kein richtig oder falsch. Es ist Dein Leben und Deine Betrachtung. Alles was sich für Dich richtig anfühlt und für Dich Sinn macht kommt mit auf Deine Mindmap. Wenn Du fertig bist, schau Dir Dein Werk in Ruhe an. Was fällt Dir dabei auf? Findest Du vielleicht etwas, dass Dir vorher nicht so bewusst war? Ist Dir die Übung schwer oder leicht gefallen? Und kennst Du mögliche Gründe dafür? Gibt es ein System, in dem Du Dich nicht wohl fühlst?


Willst Du mehr über Deine Systeme erfahren? Mithilfe der Grundsätze des systemischen Coachings kann ich Dir dabei helfen. Schreibe mich einfach über mein Kontaktformular an.


Quellen:

Astrid Schlippe, Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung

Reiner Schwing, Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis